Aufheizung

Seit 1992, dem Jahr des Abschlusses der Klimarahmenkonvention in Rio, ist bekannt, dass die Menschheit das Klima in gefährlicher Weise aufheizt, wenn sie die CO2-Emissionen nicht kontinuierlich senkt. Tatsächlich aber haben die CO2-Emissionen weltweit zugenommen, von jährlich 22 Mrd. t 1990 auf aktuell 42 Mrd. t, obwohl schon damals bekannt war, dass die Erwärmung unter 2 Grad gehalten werden muss, um zu vermeiden, dass das Klima vollends kippt. Wenn das passiert, treten Rückkopplungseffekte auf wie das Auftauen der Permafrostböden, das Abschmelzen des Eises in Grönland und an den Polen, Dürren im Amazonas-Regenwald usw. Durch das Erreichen dieser Kipp-Punkte würde sich die Klimaüberhitzung selbst verstärken und zu abrupten Klimaänderungen mit einer völligen Destabilisierung der gesamten Biosphäre führen. Die Folgen für das Leben auf der Erde wären desaströs!

„Es geht um Brot und um Trinkwasser. Die chaotischen Wetterverhältnisse werden die Landwirtschaft immer stärker beeinträchtigen. Hunderte von Millionen Menschen könnten ab Mitte dieses Jahrhunderts deshalb Hunger leiden.“1 Schon jetzt ist die Erde stark überhitzt und müsste dringend abgekühlt werden. Doch die globale Erwärmung schreitet unverändert voran. Infolge dessen steigt der Meeresspiegel und bedroht insbesondere Inselstaaten in den Tropen wie Vanuatu, Tonga, Dominica, die Salomonen und Fidschi. Im jährlich erstellten Weltrisiko-Bericht berechnen die Autoren die Gefährdung und die gesellschaftliche Verwundbarkeit durch Naturkatastrophen in mittlerweile 181 Staaten.

Nach dem Sonderbericht des Weltklimarats (IPCC) vom Oktober 2018 beträgt das der Weltgemeinschaft zur Verfügung stehende Restbudget an CO2-Emissionen Anfang 2018 1.070 Mrd. t (2 Grad-Ziel) bzw. 420 Mrd. t (1,5 Grad-Ziel). Aktuell betragen die jährlichen CO2-Emissionen 42 Mrd. t. Bei unverändertem CO2-Ausstoß ist das Budget also in 24 Jahren (2045, 2-Grad-Ziel) bzw. in weniger als 7 Jahren (2028, 1,5 Grad-Ziel) verbraucht. Die CO2-Uhr des MCC zählt die verbleibende Zeit unerbittlicher herunter.






1 Klaus Wiegand: Wir brauchen 200 Mio. ha mehr Wald, in: moneta 1-2018, S. 6-7

Wir müssen jetzt handeln!

Selbst bei einem Szenario, bei dem die Erwärmung lediglich unter 1,75 Grad gehalten wird, ist schnelles Handeln gefragt. Nach Berechnungen von Prof. Stefan Rahmstorf vom  Potsdam Institut für Klimafolgenforschung steht der Bundesrepublik Deutschland zur Erreichung dieses Ziels ein Restbudget von insgesamt 7,3 Mrd. t CO2 zu (gemessen am Anteil an der Weltbevölkerung von 1,1 %). Dies wäre, selbst bei der Annahme einer linearen Emissionsminderung von jährlich 6 %, 2036 aufgebraucht. Um das 1,75 Grad-Ziel zu halten, dürfte danach kein CO2 mehr emittiert werden. Das 1,5 Grad-Ziel würde erreicht, wenn jährlich die Emissionen um 7,6 % gemindert würden. 2020 wurde diese Marke fast erreicht, allerdings nicht wegen kluger Klimapolitik, sondern wegen des globalen Corona-Lockdowns.

Klimarat empfiehlt negative Emissionen: Moore und Wälder

Solche Szenarien erscheinen unter den real existierenden politischen Bedingungen unrealistisch.2 MaiLab und Rezo haben es auf den Punkt gebracht. Nach dem Beschluss der EU-Regierungschefs vom Dezember 2020 sollen die CO2-Emissionen bis 2030 um 55 % und bis 2050 auf Null gesenkt werden. Statt prozentuale Zielwerte zu vereinbaren, hätte sich der Beschluss aber am Restbudget orientieren müssen. Im Ergebnis wird nun das für das Erreichen des 1,5 Grad-Ziels noch verfügbare CO2-Budget um fast das Dreifache überschritten. Keine guten Aussichten.*

Der Weltklimarat empfiehlt deshalb „negative Emissionen“. Er meint damit insbesondere die Aufforstung und Verbesserung der CO2-Speicherung in Wäldern und die Wiederherstellung von trocken gelegten Mooren.

Moore sind nach den Weltmeeren die größten CO2-Speicher, obwohl sie weltweit nur 3 % der Landfläche (in Deutschland 4,2 %, rd. 1,8 Mio. ha) bedecken. Ein großer Teil der Moore wurde von den Menschen trocken gelegt (in Deutschland 95 %), wodurch sie von CO2-Speichern zu CO2-Emittenten wurden. Eine Wiederherstellung der Moore würde diesen Effekt wieder umkehren und die CO2-Emissionen kurzfristig beenden.

Die Wälder weltweit binden noch einmal etwa die Hälfte der in Mooren gebundenen Menge an CO2. Durch den Stopp der globalen Entwaldung, eine nachhaltige, naturnahe Forstwirtschaft und großflächige Aufforstungen insbesondere in tropischen Regionen können schnell große Mengen an CO2 gebunden bzw. deren Freisetzung unterbunden werden.

Grün: Emissionen bis 2018 nach Zahlen des Umweltbundesamtes (für 2018 wurde derselbe Wert wie 2017 veranschlagt; tatsächlich ist der CO2-Ausstoß 2018 wegen des warmen Winterwetters um 4,2 Prozent gesunken). Blau: exemplarische lineare Emissionsminderung, die einem fairen Beitrag Deutschlands zu den Paris-Zielen entsprechen könnte. [1 Gigatonne = 1 Mrd. t]
Grafik: Prof. Stefan Rahmstorf, Creative Commons BY-SA 4.0.


2 Höhne/Emmrich/Fekete/Kuramochi: 1,5°C: Was Deutschland tun muss. NewClimate Institute, Köln/Berlin März 2019

* Zur Veranschaulichung eine Analogie:
Meine Badewanne kann noch 10 l Wasser aufnehmen (Restbudget), bevor sie überläuft (Kipp-Punkt), was ich verhindern möchte, um Wasserschäden zu vermeiden. Deshalb handele ich rational, wenn ich den Zulauf so reduziere, dass max. 10 l Wasser zulaufen und kein Tropfen mehr. Ich kann den Wasserhahn abrupt oder schrittweise zudrehen, wichtig ist nur: Am Ende sind nicht mehr als 10 l Wasser zugelaufen.
Der Beschluss der EU-Regierungschefs auf diese Analogie übertragen bedeutet: Der Wasserzufluss wird bis 2030 um 55 % gedrosselt und bis 2050 vollständig abgestellt. Klingt erst einmal gut. Das Problem ist aber, dass über diese 30 Jahre nicht 10 l sondern fast 30 l Wasser in die Wanne fließen, weil die Drosselung nicht ausreicht. Die Wanne fasst aber nur noch 10 l, die 20 l Wasser, die danach noch zulaufen, treten also über den Wannenrand und verteilen sich in der Wohnung mit katastrophalen Folgen für das gesamte Haus.